Sonntag, 30. Dezember 2007

Bahnfahrt nach Varanasi

Irgendwo in Indien 27.12.07 - 28.12.07 / 10./11. Tag

So gegen 18:00 bin ich in Rishikesh aufgebrochen, um meinen Zug um 20:35 Uhr in Haridwar zu erreichen. Mit einer Autoriksha ging es zum Busbahnhof nach Rishikesh. Der Rikshafahrer musste mir scheinbar noch einmal besondere Schleichwege in Rishikesh zeigen, so dass wir durch die wildesten Ecken gebraust sind, wo ich vorher noch niemals war. Total kaputte Strassen und super viel Armut ueberall. Am Busbahnhof stand ein Bus schon bereit. Die oeffentlichen Nahverkehrsmittel funktionieren hier wirklich gut. Ich habe bei dreimal Busfahren, niemals mehr als 5 Minuten auf den Bus warten muessen.

In Haridwar angekommen, ging ich dann direkt zum Bahnhof. Das waren nur ca. 100 m Weg. Der Bahnhof war dann mal wieder einer der Schockingpunkte in Indien. Hier sassen und lagen eine Menge Menschen auf dem Boden und warteten geduldig auf die Zuege. Familien speisten auf dem Boden, andere hielten ein Schlaefchen. Das Ganze sah aus wie eine Auffangstation nach einer Naturkatastrophe, aber nicht so sehr wie eine Bahnhofshalle.

Ich kaempfte mich durch die Menge und suchte mir ein ruhiges Plaetzchen auf dem Bahnsteig. Natuerlich war ich viel zu frueh, also musste ich noch ueber eine halbe Stunde warten. Konnte dabei eine Affenfamilie beim Liebesspiel beobachten und die vielen Menschen, die mit irgendwohin mit dem Zug fahren wollten. Da Haridwar ein so wichtiger Ort fuer Hindus ist, waren Menschen aus allen Landesteilen zu sehen. Besonders fasziniert hat mich eine Familie, die so aussah als wuerde aus dem Busch stammen. Ohne Schuhe und nur gerade mit dem noetigsten bekleidet, super duenne Beine und Arme. Das erinnerte mich an die Buschmaenner in Afrika.

Endlich kam der Zug und er war sogar puenktlich, da indische Zuege in der Regel sehr stark verspaetet eintreffen. Das naechste Problem war, mein Zugabteil zu finden. Ich hatte ja eine Reservierung fuer den Schlafwagen. Alle schickten mich immer zum naechsten Wagon und keiner konnte mir genau sagen, wo ich meinen Wagon finden sollte. Also setze ich mich einfach in den ersten Wagen, da ich S1 gebucht hatte. Die anderen Fahrgaeste aber bestaetigten mir aber immer wieder, dass es sich um den Wagen S3 handelte. Nach 15 Minuten der Ungewissheit hiess es "ich koenne nun umsteigen, mein Wagen sei nun angekoppelt worden." Und so fand ich dann tatsaechlich meinen reservierten Schlafplatz.

Der Zug war ziemlich ausgebucht und indische Schlafwagenabteile haben keine abgetrennten Abteile. Ausserdem sind da wo in Deutschland der Gang ist noch zwei weitere Schlafplaetze, so dass auf dem Raum wo bei der DB 6 Leute schlafen, in Indien 8 Menschen Platz finden. In meinem Abteil war eine indische Familie untergebracht, eine Mutter mit ihren beiden erwachsenen Soehnen. Sie waren nicht an mir interessiert, ich denke ich war wohl als alleinreisende Frau etwas suspekt fuer sie. Aber mir passte das ganz gut, so musste ich mich nicht schon wieder mit irgendwem ueber die selben Fragen unterhalten.

Gegen 22:30 wurden dann die Betten aufgeklappt und ich richtete es mir moeglichst gemuetlich mit meiner Yogamatte unten drunter, meiner Decke und fuer den Kopf mein Yogakissen ein. Ich konnte ganz gut schlafen und erwachte so gegen 7:00, als alle anfingen die Betten wieder einzuklappen. Gegen 9:00 waren wir dann in Lucknow, wo meine Mitreisenden und fast alle anderen den Zug verliessen. Von hier an war es ziemlich leer im Zug. Anfangs genoss ich das noch sehr. Ich breitete mich aus und begann mein Buch zu lesen und die ziemlich trostlose Landschaft draussen zu beobachten.

Der Zug hielt nun so ziemlich an jedem Dorf. Meist hielten wir laenger als wir fuhren. Laut Reisefuehrer sollte die Reise etwa 15 1/2 Stunden dauern. Das Ganze zog sich und zog sich hin. Ich versuchte hin und wieder mit dem Kartenmaterial aus meinem Reisefuehrer herauszubekommen, wo wir uns wohl gerade befanden, das gestaltete sich allerdings schwierig, weil es in dieser Gegend keine groesseren Staedte gab und damit auch nichts in den Karten eingezeichnet war. Irgendwo im Nirgendwo!

Hin und wieder stiegen Passanten in den Zug, die ein paar Stationen mitfuhen und dann bald auch wieder ausstiegen. Auch hier gab es wieder einige, die versuchten mit mir Kontakt aufzunehmen, mit ein paar Brocken Englisch zumindestens meinen Namen und mein Herkunftsland erfragen wollten. Die Verstaendigung war allerdings recht schwierig, da die meisten wirklich sehr wenig bis gar kein Englisch konnten. Dann gab es aber immer mehr unangenehme Zeitgenossen, die mir ziemlich eindeutige Angebote machten. "Ich solle doch mit ihnen nach Hause kommen und da koennten wir dann schoene Sachen machen. Es wurde langsam dunkel und wir hielten mehr als wir fuhren. Ich wusste nicht wie lange das noch dauern wuerde und langsam bekam ich es mit der Angst. Am Ende wollte ich nur noch heile ankommen. Um 20:30 Uhr endete der Zug nach 23 Stunden Fahrt endlich in Varanasi.

Da ich mit einer so langen Fahrt nicht wirklich gerechnet hatte, hatte ich natuerlich auch nur Proviant fuer 15 Stunden dabei. Ich hatte zumindest 2 Flaschen Wasser dabei, das war schon mal sehr vorausschauend. Das mit der Verpfegung in indischen Zuegen ist allerdings kein Problem. Auf jedem Bahnhof rennen eine Menge von Leuten mit allem was sie haben und verkaufen koennen herum. Obst und Gemuese, Nuesse, Pakoras und Samosas und vor allem der indische Chai (indischer Gewuerztee mit ordentlich Zucker). Morgens frueh kam dann ein Bahnangestellter vorbei und fragte, ob ich ein Lunch haben wolle. Ich bestellte und ca. 2 Stunden spaeter wurde mir dann ein indisches Essen mit Reis und Wasser serviert, sehr schmackhaft fuer ca. 90 ct. Auch hier kam wieder die indische Buerokratie zum Tragen. Damit ich das Essen ausgehaendigt bekam, musste ich erst einmal wieder meine ganzen Daten angeben inkl. Passnummer. Komisch!

Am Abend zuvor hatte die inidsche Familie auch schon so ein Bahnessen bestellt. Das Ganze wurde in Aluverpackungen aehnlich wie in Deutschland serviert. Da es keine Muelleimer fuer all den Muell gibt, behilft man sich in Indien, indem man einfach den ganzen Muell aus dem Fenster wirft. Anders diejenigen, die unterwegs Erdnuesse oder aehnliches kaufen. Die Erdnuesse werden ausgepult und der Rest einfach auf den Boden geschmissen. So sieht dann ein indisches Zugabteil am Ende einer Reise aus wie Sau.

Beim Aussteigen lief ich dann Benny in die Arme und war nicht nur froh einen grossen westlichen Mann an meiner Seite zu wissen, sondern um so mehr froh als dass ich endlich mal wieder Deutsch sprechen konnte. Benny ist Lehramtsstudent aus Koeln und schon etwas laenger hier als ich. Ist sehr offen und interessiert sich fuer Yoga, Meditation und die indische Kultur. Herrlich mal wieder deutsch zu sprechen. Ich hab vorher schon angefangen in Englisch zu denken.

Benny hatte sich ein moeglichst billiges Hotel ausgeguckt und obwohl ich eigentlich hier etwas besser wohnen wollte, entschied ich, mich enfach an Benny und in seine Unterkunft mitzugehen. So wurden wir sogar ziemlich guenstig in die Yogi Lodge gebracht, wobei sich spaeter herausstellte, dass es wohl mehrere Unterkuenfte mit diesem Namen hier gibt. Das Hotel ist super einfach, sehr spartanisch ausgestattete Zimmer und ohne Fenster, aber es ist super billig (wieder nur 4 Euro) und es ist sauber und ich hab ein eigenes Bad.

Dann machte ich mit Benny gemeinsam noch einen kurzen Stadttripp zum Fluss und danach hatten wir ein super leckeres indisches Dinner. Bei einem Chai in einer der Buden am Strassenrand lernten wir dann noch einen Sadhu und seine Kumpels kennen. Das war sehr amuesant und so endete dieser Abend spaet.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Liebe Solveig,
wie man so lange Zeit im Zug verbringen kann, dass kannst Du mir mal zeigen! Wahnsinn, fast 24 Stunden Zugfahren! Was ich sehr interessant fand, war die Müllentsorgung in Indien. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Ist meiner Meinung nach überall die einfachste und schnellste Form der Müllentsorgung. Wird hier in Deutschland meist von großen Unternehmen (chemische Industrie usw.) angewandt. Aber Indien ist ja noch ein Entwicklungsland und werden bestimmt von uns bald lernen ;-)
Schön, dass Du auch mal einen Deutsch getroffen hast. Wenn man schon so lange wie Du in Indien ist, dann sehnt man sich nach vielen Dingen. Aber jetzt mal eine ganz blöde Frage, die nur ich wieder stellen kann, aber ich blamiere mich jetzt mal. Ich dachte, dass in Indien die englische Sprache als Amtssprache gesprochen wird, will sagen, was sprechen die da noch? Klar haben die bestimmt eine einige regionale Sprachen. Jedoch dachte ich, dass man dort mit Englisch keine Probleme hat. Na ja, wenn ich das so überdenke, dann nennt sich Plattdeutsch auch deutsch, aber keine versteht es, es sei denn, er kommt aus Ostfriesland.

Ich kann Deine Befürchtungen sehr gut nachvollziehen und freue mich sehr, dass Du Benny getroffen hast. Ein Student, wie kann es auch anders sein. Solche Reisen kann man sich nur als Student leisten. Hoffentlich erlebst Du nun ein Indien, welches Dir den Atem raubt und Du mal so richtig den Kulturschock spürst. Indien muß man erleiden um es richtig genießen zu können.

Ich fühle mit Dir und sende Dir einen, nein wir (die Leserinnen und Leser) senden Dir viele liebe Grüße

Klaus

Notizblogg Medien hat gesagt…

Man spricht in Indien viele regionale Sprachen, die keine gemeinsamen Wurzeln haben. Das Land ist ja riesig gross. Deshalb hatten die Englaender Englisch als Amtssprache eingefuehrt und so koennen sich nun Menschen aus Nord- und Suedindien mit Englisch verstaendigen. 80% der Bevoelkerung spricht Hindi, das wird aber nur im Norden also hier gesprochen, ueberall anders werden unterschiedlichste Sprachen gesprochen. Da die laendliche Bevoelkerung aber oftmals keine Schulen besucht, koennen sie natuerlich auch kein Englisch.